Giftinformationszentrum-Nord der Länder Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein

Zentrum Pharmakologie und Toxikologie, Universität Göttingen, Robert-Koch-Str. 40, D-37075 Göttingen

 

 

Jahresbericht 1997

Bericht für Anfragen nur aus Niedersachsen

 

(Übersetzter Auszug aus:

Harmonized Annual Report, prepared corresponding to the proposal for an update of Annex II to Council Resolution 90/C329/03-Revised 24 November 1995-;
der Originalbericht sowie Teilberichte über die einzelnen Bundesländer sind über das Internet-Angebot des GIZ-Nord zugänglich)

 

1. Identifizierung der Institution

Name der Institution:

Giftinformationszentrum-Nord

der Länder Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein

(GIZ-Nord)

 

Postadresse:

Giftinformationszentrum-Nord

der Länder Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein (GIZ-Nord)

Zentrum Pharmakologie und Toxikologie

Georg-August-Universität Göttingen

Robert-Koch-Straße 40

D-37075 Göttingen

Bundesrepublik Deutschland / Federal Republic of Germany

 

Telekommunikationsnummern und Adressen:

Telefon: +49-551-383180, Telefax: +49-551-3831881

Internet, E-mail number:

Internet, www-homepage: http://www-giznord.pharpt1.med.uni-goettingen.de

 

Leiter des Zentrums:

Prof. Dr. G. F. Kahl, Zentrum Pharmakologie und Toxikologie der Universität Göttingen, Robert-Koch-Str. 40, D-37075 Göttingen

 

2. Jahr

Dieser Jahresbericht bezieht sich auf das Jahr: 1997
mit Anfragen vom 01. Jan 97 bis 31. Dez 97

3. Administrative Informationen

3.1. Institution

Das Zentrum ist Teil der Universität Göttingen, lokalisiert im Göttinger Universitätsklinikum.

3.2. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Insgesamt arbeiteten am 31.12.97 11 Personen auf 7,75 Vollzeitstellen im Giftinformationszentrum-Nord.

 

 

Anzahl Vollzeit-Äquivalente

 

Beratung

Verwaltung und Anderes

ärztliche Berater(innen)

5,5

 


Systemspezialist EDV

 

1

Verwaltungskräfte

 

0,75

Chemiker

0,5

 

 

3.3. Zentrumsetat

Das Zentrum besitzt seinen eigenen Etat.

Die Etatmittel werden zu 100% von den Vertragsländern bereitgestellt.

3.4. Tätigkeit des Zentrums

3.4.1. Überblick

Das Giftinformationszentrum-Nord arbeitet eng mit der Arbeitsgruppe klinisch-toxikologische Dienstleistung zusammen. In dieser Arbeitsgruppe werden toxikologische Analysen für Patienten des Univeristätsklinikums Göttingen und räumlich nahe gelegener Krankenhäuser durchgeführt.

3.4.2. Antidote

Das Zentrum ist nicht direkt an der Verteilung von Antidoten beteiligt, hilft allerdings mit Informationen über räumlich nahe gelegene Antidotdepots.

3.4.3. Art der Informationen

Informationen werden sowohl medizinischem Fachpersonal, wie auch der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.

Das Giftinformationszentrum-Nord ist 24 Stunden täglich mit ärztlichen Giftberaterinnen und -beratern besetzt.

3.4.4. Versorgte Bevölkerung

In den 4 Vertragsländern leben zur Zeit ca. 12,6 Millionen Einwohner.

16 % der Anrufe kommen aus anderen Bundesländern und aus dem Ausland.

 

3.5. Informationsquellen

Die Quellen für Produktionformationen des Giftinformationszentrums-Nord sind in folgender Tabelle dargestellt:

 

 

Medikamente

Produkte zum gewerblichen Gebrauch

Haushalts-produkte

Kosmetika

Nahrungs-mittel

l Freiwillige Meldung der Industrie an das Zentrum

Ja

Ja

Ja

Ja

Ja

l Kommerielle Informationsanbieter

Ja

Ja

Ja

 

 

l Datenquellen im Internet

 

Ja

Ja

 

 

l Gesetzliche Meldung der Industrie an das BgVV*

 

Ja

Ja

Ja

Ja

l Freiwillige Meldungen an das BgVV*

 

Ja

Ja

Ja

Ja

* BgVV = Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin, Berlin

 

Auf freiwilliger Basis werden von Industrieunternehmen aus den Vertragsländern dem GIZ-Nord Sicherheitsdatenblätter zu Verfügung gestellt. Auf einem Großteil dieser Sicherheitsdatenblätter wird das GIZ-Nord als Notfall-Ansprechpartner genannt.

Versorgung des Zentrums mit Produktinformationen:

 

 

Medikamente

Produkte zum gewerblichen Gebrauch

Haushaltsprodukte

Kosmetika

l Lokal

Ja

Ja

Ja

Ja

l Bundesweit

Ja

Ja

Ja

Ja

l EU-weit

Ja

Lückenhaft

Lückenhaft

Nein

 

Ab Kapitel 4 sind alle Zahlen automatisch ausgewertet, bis auf bezeichnete Ausnahmen!

4. Anfragestatistik

4.1. Gesamtzahl aller Anfragen: 9471

4.2. Monatliche Variation (Anzahl der Anfragen):

 

 

Januar

667

Juli

943

Februar

632

August

972

März

694

September

912

April

730

Oktober

822

Mai

845

November

700

Juni

867

Dezember

687

 

 

 

4.3. Übermittlungswege der Anfragen (Anzahl)

 

Telefon: Nicht erfaßt

Brief / Fax: Nicht erfaßt

persönlicher Besuch: Nicht erfaßt

 

 

4.4. Gründe der Anfragen und Art der Anfrager (Anzahl)

 

 

Art der Anfrage

Art der Anfragerin / des Anfragers

Tatsächliche oder vermutete Vergiftung

Informationsanfrage

Gesamtergebnis

Allgemeine Öffentlichkeit

3709

592

4301

Ärztin / Arzt

4660

386

5046

andere Heilberufe

79

45

124

Gesamtergebnis

8448

1023

9471

 

 

5. Vergiftungsfälle

Alle folgenden Angaben beziehen sich auf die Anzahl der Vergiftungsfälle.

 

5.1. Menschliche Vergiftungen und menschliche Vergiftungsverdachtsfälle

Gesamtzahl der menschlichen Vergiftungen und

menschlichen Vergiftungsverdachtsfälle: 8373

 

Diese Zahl beinhaltet nicht die reinen Informationsanfragen und keine Tiervergiftungen.

 

5.1.1. Geschlecht der Betroffenen (Anzahl)

 

männlich:

3193

weiblich:

3399

unbekannt:

1781

 

bei den weiblichen Betroffenen wurden erfaßt:

 

Schwangere:

34

Stillende:

5

 

5.1.2. Vergiftungsursachen und Altersgruppen

Siehe separate Liste im Anhang. Über die Angaben im offiziellen Jahresbericht hinaus enthält diese Liste Informationen zum Schweregrad der Vergiftungen.

5.1.3 Altersgruppe

Die Altersgruppen der Betroffenen werden in der Tabelle im Anhang angegeben.

 

5.1.4. Vergiftungsort

 

Anzahl

Haushalt:

5348

Arbeitsplatz (gewerblich):

206

Kindergarten:

37

Schulen:

27

Krankenhaus:

114

Justizvollzugsanstalten:

3

Unbekannt:

2351

Andere:

287

Anzahl aller Vergiftungsfälle

8373

 

 

5.1.5. Vergiftungsumstände

 

Anzahl

Akzidentell

5371

Beabsichtigt

Suizidal

1957

Abusus

189

Kriminell

19

Unerwünschte Reaktion auf

Medikament

70

Nahrungsmittel

Andere

Andere

185

Unbekannt

582

Anzahl aller Vergiftungsfälle

8373

 

 

5.1.6. Geschätzte Schweregrade

Die Schwere der Vergiftungsfällen wurde erfasst, wie sie zum Zeitpunkt der Anfrage eingeschätzt wurde. Eine detaillierte Darstellung für die einzelnen Noxengruppen ist im Anhang zu Kapitel 5.1.2 (Vergiftungsursachen und Altersgruppen) angefügt. Die Summe aller Fälle für die einzelnen Schweregrade findet sich am Ende dieser Tabelle.

 

 

 

5.1.7. Behandlung

(diese Informationen wurden nicht länderspezifisch erfaßt)

 

Art der Behandlung

Anzahl der Fälle

 

empfohlene Behandlung

durchgeführte Behandlung

alle Fälle

Fälle mit follow up

Fälle mit follow up

Empfehlung nicht gegeben

*

*

0

keine und

symptomatisch and unterstützend

*

*

56

Giftentfernung (alle Methoden)

*

*

223

- Verhinderung der Absorption

*

*

223

- Aktivkohle oder andere Sorbentien (unspezifische Antidote)

*

*

208

- Elimination (z.B. Hämodialyse,
Hämoperfusion)

*

*

*

spezifische Antidote

*

*

60

 

Gesamtzahl der erfaßten Fälle mit follow up: 303

 

Fälle mit schriftlichem Follow-up (angefragt)

471

Fälle mit telefonischem Follow-up

658

 

*: Daten nicht verfügbar

 

 

5.2. Tiervergiftungen

Insgesamt wurden 75 Vergiftungsfälle und Vergiftungsverdachtsfälle bei Tieren beraten.

(Die Verteilung der Fälle auf die Tierarten wurden nicht länderspezifisch erfaßt)

 

Tierart

Anzahl

Hund

Nicht erfaßt

Katze

Nicht erfaßt

Pferd

Nicht erfaßt

Schaf

Nicht erfaßt

Rind

Nicht erfaßt

andere

Nicht erfaßt

Anzahl aller Vergiftungsfälle mit Tieren

75

 

 

6. Informationsanfragen ohne Vergiftungsfälle

Diese Angaben beziehen sich auf Anfragen die nicht im Zusammenhang mit einem akuten Vergiftungs- oder Vergiftungsverdachtsfall stehen. Die Ursachen der Anfragen wurden bisher nicht systematisch erfaßt.

 

 

Grund der Informationsanfrage

Anzahl

Identifizierung eines unbekannten Tieres

nicht erfaßt

Identifizierung eines unbekannten pharmazeutischen Produktes

nicht erfaßt

Zusammensetzung eines Produktes

nicht erfaßt

Information zu Lebensmittelzusätzen

nicht erfaßt

Umweltgifte

nicht erfaßt

Pflanzliche oder "natürliche" (aber keine pharmazeutischen) Produkte

nicht erfaßt

Laboranalysen betreffend

nicht erfaßt

Drogenberatung

nicht erfaßt

Pharmakologische / toxikologische Anfragen

943

Andere

80

Anzahl aller Informationsanfragen

1023

 

 

7. Toxikologische Analysen

Das Giftinformationszentrum-Nord führte selbst keine toxikologischen Analysen durch, arbeitet in dieser Hinsicht allerdings eng mit der Arbeitsgruppe klinische-toxikologische Dienstleistungen der Universität Göttingen zusammen
(http://regulus.pharbp.med.uni-goettingen.de/klintox.htm).

 

8. Weitere Ergänzungen

Das Giftinformationszentrum-Nord (GIZ-Nord) hat als offiziell benanntes Giftinformationszentrum für die Bundesländer Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen am 01.01.1996 seine Arbeit aufgenommen.

Räumlich und organisatorisch eingebunden ist das GIZ-Nord in das Zentrum Pharmakologie und Toxikologie im Klinikum der Universität Göttingen.

Das GIZ-Nord verfügt über vier Räume, die mit einem modernen Computernetzwerk ausgestattet sind, wodurch an jedem Arbeitsplatz Zugriff auf mehrere toxikologische und pharmakologische Datenbanken sowie das zentrumseigene Dokumentations- und Informations-System besteht. Netzverbindungen existieren zum Kliniksnetz mit Zugriff auf die lokalen Bibliotheksdatenbanksysteme und über DATEX-P und T-online zu kommerziellen DB-Anbietern und zum Internet.

Auf diesen Bericht, den Jahresbericht 1996 und weitere detaillierte statistische Informationen kann über die Homepage des GIZ-Nord im Internet online zugegriffen werden:

http://www-giznord.PharPT1.med.Uni-goettingen.de .

 

In der nachfolgenden Tabelle ist die Aufteilung der Herkunft der Anfragen auf die Bundesländer für 1997 dargestellt.

 

Land

Anfragen

Anteil

Anteil Vertragsländer

Schleswig-Holstein

3206

15,51%

18,24%

Hamburg

3756

18,17%

21,37%

Niedersachsen

9471

45,81%

53,87%

Bremen

1147

5,55%

6,52%

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Bayern

145

0,70%

Saarland

5

0,02%

Berlin

18

0,09%

Brandenburg

16

0,08%

Mecklenburg-Vorpommern

49

0,24%

Sachsen

44

0,21%

Sachsen-Anhalt

39

0,19%

Thüringen

54

0,26%

ohne Angaben

896

4,33%

Summe

20675

100,00%

Summe Vertr.-Länd.

17580

85,03%

100,00%

 

Fallberichte

Zur Illustration besonderer Vergiftungsgefahren sind einige ausgewählte Fallberichte, vorwiegend mit schwerer Symptomatik, im folgenden kurz skizziert.

 

Ethylenglykol

# 29019/St

Ein 45-jähriger Patient wurde im schläfrigen Zustand vom Notarzt ins Krankenhaus gebracht, nachdem er ca. 1,0 -1,5 l Kühlerfrostschutz getrunken hatte, um einen Rausch herbeizuführen. Kühlerfrostschutz enthält Ethylenglykol in hoher Konzentration. Ein Alkoholmißbrauch war aus der Vorgeschichte bekannt. Es wurde eine Magenspülung durchgeführt, Aktivkohle und Glaubersalz gegeben und eine Therapie mit Alkohol eingeleitet. Bei Aufnahme wurden im Blut des Patienten 0,8 o/oo Ethanol und 9,2 o/oo Ethylenglykol gemessen. Der Patient wurde daraufhin mehrfach dialysiert und die Alkoholtherapie fortgeführt bis Ethylenglykol im Serum nicht mehr nachweisbar war. Am Aufnahme- und am Folgetag kam es zu zwei generalisierten Krampfanfällen. Es entwickelte sich eine Lungenentzündung, die antibiotisch beherrscht werden konnte. Nach 10 Tagen wurde der Patient in gutem Zustand auf Normalstation verlegt. Auch eine weitere Aufnahme von 750 ml Frostschutz einen Monat später überstand der Patient mit entsprechender Therapie ohne bleibenden Schaden.

 

Lidocain

# 24233/St

 

Ein 3 Monate alter Säugling wurde mit einer Lidocain- und Prilocain-enthaltenden Salbe behandelt, um die Behandlung eines großen Hämangioms ("Blutschwamm") vorzubereiten. Die Mutter mißverstand die Dosieranweisung und applizierte dem Kind am Morgen des Operationstages großflächig ca. 500-750 mg von beiden Lokalanästhetika. Bei Vorstellung zur OP 2 Stunden später hatte das Kind einen verminderten Muskeltonus und eine ausgeprägte Lippenblaufärbung. Es erfolgte der sofortige Transport in die Kinderklinik, wobei ein generalisierter Krampfanfall auftrat, der mit Phenobarbital behandelt wurde. In der Klinik wurde im Blut ein Met-Hämoglobin-Anteil (MetHb) von 43% bestimmt, der Sauerstoff-Transport ins Gewebe war somit stark gestört. Nach Gabe von Methylenblau fiel der MetHb-Anteil auf 2-3 %. Der Lidocainspiegel bei Aufnahme war mit 3 mg/l im therapeutischen Bereich. Das einige Stunden später abgeleitete EEG war - wie auch der weitere Verlauf - unauffällig.

 

Paracetamol:

# 35845/St

 

Eine 58 kg schwere Patientin nahm in Selbsttötungsabsicht 10-15 g Paracetamol. Nach ca. einer Stunde trat wiederholtes und nach Meinung des behandelnden Arztes ergiebiges Erbrechen auf. Nach ca. 3 Stunden wurde die Patientin stationär aufgenommen. Da eine orale Behandlung mit N-Acetylcystein durchgeführt werden sollte, wurde auf Kohlegabe verzichtet. Eine Kontrolle des Paracetamolspiegels 3 -4 Stunden nach der Aufnahme ergab eine Serumkonzentration von 1020 mol/l, was einer Resorption von etwa 7 g Paracetamol entspricht. Bei diesem Spiegel und dieser Latenz ist noch ein Leberschaden möglich. Die Antidottherapie mit N-Acetylcystein wurde gut vertragen. Es fanden sich im Verlauf keine Anzeichen für einen Leberschaden.

Auch wenn bereits eine Stunde nach Aufnahme von größeren Mengen Paracetamol mehrfach erbrochen wird, können somit toxikologisch relevante Mengen resorbiert werden.

 

Paraquat,

#31113

 

Ein 78j. Mann wurde ca. 1-2 Stunden nach Verschlucken eines zunächst unbekannten Unkrautvernichtungsmittels stationär aufgenommen. Es handelte sich um eine braune Flüssigkeit mit undefinierbarem Geruch, die von dem Patienten in einer Sprudelflasche aufbewahrt und nun versehentlich getrunken worden war. Vier Stunden nach Aufnahme litt der Patient an einem ausgeprägten Speichelfluß, Brodeln über der Lunge (pO2 65 mm Hg), sowie "diffusen Herzrhythmusstörungen". Zunächst bestand der Verdacht auf eine Organophosphatvergiftung, es wurde eine Magenspülung durchgeführt und Kohle/Glaubersalz verabreicht. In der toxikologischen Analytik wurde dann Paraquat nachgewiesen. Wir rieten daraufhin zur Durchführung einer Haemoperfusion als ultima ratio. Der Zustand des Patienten verschlechterte sich jedoch dramatisch, so daß diese Maßnahme nicht mehr durchgeführt wurde, er verstarb noch am Aufnahmetag.

Der auf diese tragische Weise gestorbene Patient hatte zehn Jahre zuvor in einem botanischen Garten gearbeitet und das damals oft eingesetzte Paraquat offensichtlich abgefüllt und zu Hause gelagert.

 

Clomipramin

#16788

Eine 40j. Patientin wurde stationär aufgenommen, nachdem sie 14 Stunden zuvor in Selbsttötungsabsicht 3,75 g Clomipramin eingenommen hatte. Initial zeigten sie trotz der hohen Dosis lediglich leichte anticholinerge Symptome: trockener Mund, Mydriasis, Gangunsicherheit. Es fiel von Anfang an eine starke Diskrepanz zwischen eingenommener Menge und Ausprägung der Symptome auf. Eine Giftentfernung schien wegen der langen Latenz nicht sinnvoll zu sein, es wurde die Gabe von Kohle und Glaubersalz, darüber hinaus eine weitere stationäre Überwachung empfohlen. 1 Stunden nach dem Beratungsgespräch wurden wir von dem behandelndem Krankenhaus darüber informiert, daß man sich entgegen unserem Rat doch zur Magenspülung entschlossen hatte und eine große Menge Tabletten entfernen konnte. Diese waren verklumpt und teilweise noch als Einzeltabletten erkennbar. In den Tabletten konnten durch toxikologische Analyse noch hoher Gehalt an Clomipramin nachgewiesen werden.

In Einzelfällen - unserer Erfahrung nach sehr selten - kann somit bei bestimmten, die Darmtätigkeit dämpfenden Arzneimittelwirkstoffen eine späte Spülung noch wesentliche Teile der aufgenommenen Medikamente aus dem Magen entfernen.

Carbamazepin, Primidon

# 22975

 

Eine 30 j. Patientin wurde komatös stationär aufgenommen. Es bestand der dringende, später bestätigte Verdacht auf eine Intoxikation mit Antiepileptika, wobei insgesamt 25 g Primidon und 80 g Carbamazepin im Verlauf eines Tages aufgenommen worden waren. Die Patientin war bei Aufnahme kreislaufstabil, ohne Rhythmusstörungen, hatte maximal weite Pupillen, die Atmung war spontan. Eine Magenspülung wurde durchgeführt, Tablettenreste konnten nicht herausgespült werden. Es wurde die konsequente wiederholte Gabe von Kohle und Glaubersalz empfohlen, eindringlich auf die Gefahr einer ausgeprägten Darmatonie hingewiesen. Weiterhin rieten wir zur unverzüglichen Einleitung einer Hämoperfusion. Nach Durchsicht der Literatur sollten dabei möglichst lange Perfusionszeiten gewählt werden, da die Resorption des Carbamazepins die Clearance übersteigen kann.

EsEs wurde mehrfach Aktivkohle und Glaubersalz verabreicht, eine Hämoperfusion über Kohle zweimal täglich 5 Stunden durchgeführt. Nach drei Tagen kam es erstmalig zur Darmentleerung. Im weiteren Verlauf wachte die Patientin langsam auf, zeigte dabei eine ausgeprägte Erregung. Sie überlebte die Intoxikation ohne Folgen. Die Patientin war stets kreislaufstabil und hatte keine Herzrhythmusstörungen.

Der maximale Carbamazepinserumspiegel lag bei 157 m g/l, nach jeder Hämoperfusion sank der Spiegel um 30 m g/l.

 

 

Metformin

 

48-jährige, normgewichtige Patientin mit bekannter Alkoholkrankheit

nach 100-120 Tbl. Metformin 500:

komatös, hypotherm (<32C), Quick erniedrigt (62%), pH<6,8, BE -32,8,

verstorben am Folgetag.

 

 

Valium

31-jähriger Patient nach intraarterieller Injektion von 7,5 mg Valiumâ , 1ml Buscopanâ

arterielle Spastik mit Oedembildung im Unterarmkompartiment.

 

Pantherpilz

# 28160/St

Ein Ehepaar stellte sich 2 Stunden nach dem Genuß eines Gerichtes aus selbstgesammelten Pilzen in der Klinik vor. Die Frau hatte mehrfach erbrochen, hatte klonische Krämpfe der Arme gehabt, war jetzt desorientiert und wurde wegen einer fraglichen Ateminsuffizienz intubiert und beatmet. Die Symptome hatten ca. 1-2 h nach dem Essen begonnen. Der Mann hatte bei sich Erbrechen auslösen können, klagte jetzt über Übelkeit und zeigte im EKG einzelne ventrikuläre Extrasystolen, er hatte weniger von den Pilzen gegessen.

Es wurde eine Magenspülung durchgeführt, Aktivkohle und Glaubersalz gegeben und eine forcierte Diurese eingeleitet. Am nächsten Morgen waren beide Patienten beschwerdefrei. Die Pilze wurden als Pantherpilze identifiziert.

 

 

Knollenblätterpilz

# 28614/St

 

In Gebieten der ehemaligen Sowjetunion wächst ein Speisepilz, der dem hier heimischen Knollenblätterpilz in Form und Farbe stark ähnelt.

I

Ein 58-jähriger Patient bereitete sich nach seinen eigenen Angaben zum Frühstück ein Pilzgericht aus wohlschmeckenden, selbstgesammelten Pilzen. Etwa 30 Minuten nach der Mahlzeit kam es zu Übelkeit, nach 60 Minuten trat anhaltendes Erbrechen begleitet von wäßrigem Durchfall auf. Zwei Stunden später klagte der Patient bei weiter bestehender Übelkeit über Krämpfe in den Waden und der rechten Brust sowie Magenschmerzen, Kopfschmerzen, Kaltschweißigkeit, Schwindel, Ohrensausen und Heiserkeit. Daraufhin wurde er ins Krankenhaus eingewiesen. Der körperliche Untersuchungsbefund dort war im wesentlichen unauffällig. Trotz dieser für Knollenblätterpilze untypisch kurzen Latenz zwischen Aufnahme und Symptomen wurde eine Untersuchung auf a -Amanitin als dessen giftiger Inhaltsbestandteil durchgeführt, das Untersuchungsergebnis war stark positiv. Neben der Gabe von Silibinin und Penicillin G wurde zweimal eine Hämoperfusion mit Aktivkohle durchgeführt. In den nächsten zwei Tagen stiegen die Leberenzyme im Serum an (GPT 972 U/l , GOT 315 U/l), die Plasmacholinesterase war auf 2,86 kU/l reduziert. Der Quickwert fiel auf 40 % (des Normalwertes, Blutgerinnungsparameter), Gerinnungsfaktoren wurden ersetzt. Im weiteren Verlauf erholte sich der Patient innerhalb einer Woche vollständig. Auf genaues Nachfragen berichtete der Patient schließlich, daß er bereits am Vorabend (zwölf Stunden vor Symptombeginn) von der besagten Pilzmahlzeit gegessen habe.


II

Auch in diesem Fall sammelte eine Aussiedlerfamilie in größeren Mengen Knollenblätterpilze, da sie diese für eßbar hielt und bereitete sich daraus am Nachmittag ein Pilzgericht. In der Nacht entwickelten alle vier Patienten leichtes Fieber, Übelkeit, Erbrechen, abdominelle Schmerzen und Durchfall. Am nächsten Morgen wurden die Patienten in der Klinik stationär aufgenommen.

Patienten:

stationären Aufenthalts wird eine chronische Hepatitis C diagnostiziert.

Aufnahmebefund:

Alle vier Patienten zeigten bei Aufnahme einen diffusen Druckschmerz im Bauchbereich, sonst einen unauffälligen körperlichen Untersuchungsbefund. Es bestand eine mäßige Tachykardie bei normalen Blutdruckwerten. Zwei Patienten hatten erhöhte Temperatur (38,9C, 37,5C).

Temperaturen axillär: Pat.1 (Mutter): Pat.3 (Tochter): Pat.2 und 4: unbekannt.

Stationärer Verlauf:

Bei allen Patienten wurde unter dem Verdacht auf Knollenblätterpilzvergiftung eine Urinanalyse auf a -Amanitin mit positivem Befund durchgeführt. Alle Mitglieder der Familie erhielten wiederholt Aktivkohle und Glaubersalz, eine Therapie mit Silibilin wurde eingeleitet. Drei Patienten erhielten zusätzlich hochdosiert Penicillin G (beim vierten Patienten war eine Penicillinallergie bekannt). Alle Patienten zeigten deutliche erhöhte Leberwerte und eine meßbare Beinträchtigung der Blutgerinnung. Der Zustand der Patienten besserte sich während des stationären Aufenthalts, so daß alle Familienmitglieder nach 14 Tagen aus der stationären Behandlung entlassen werden konnten.