GIZ-Nord » Vergiftungen durch Pilze » Achtes Treffen der GIZ-Nord-Pilzsachverständigen 2019
 

Achtes Treffen der GIZ-Nord-Pilzsachverständigen

Auf Einladung des Giftinformationszentrum-Nord (GIZ-Nord) trafen sich 17 männliche und 16 weibliche beim GIZ-Nord registrierte Pilzsachverständige aus den Bundesländern Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen und Niedersachsen am 27. April 2019 zu einer eintägigen Fortbildung mit Erfahrungsaustausch in Göttingen.

Diese Veranstaltungsreihe, von der sowohl das GIZ-Nord als auch die PSV profitieren, gibt es bei anderen Giftinformationszentren in dieser Form nicht. Es handelte sich bereits um das achte Treffen in Folge. Veranstaltungsort war das Klinikum in der Robert-Koch-Straße.

Prof. Dr. Andreas Schaper begrüßte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer und moderierte souverän durch den Tag. Die Leitung des GIZ-Nord teilen sich Prof. Dr. Schaper und Dr. Martin Ebbecke.

Frau Beuße-Jagielski stellte einige Zahlen zur Arbeit des GIZ-Nord insbesondere in Verbindung mit Pilzen vor. Den Giftinformationszentren in Deutschland stehen  529 aktive Pilzkenner für Pilzbestimmungen über eine Liste der Gesellschaft für Klinische Toxikologie (GfKT) zur Verfügung. Im GIZ-Nord sind 68 Pilzfachleute registriert und decken die Bundesländer Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen und Niedersachsen ab.

Im Jahr 2017 registrierte das GIZ-Nord insgesamt 41.161 Anfragen. Davon betrafen 839 die Pilze. Die Folgen der Trockenheit und Hitze in 2018 zeigen die Zahlen: Anfragen insgesamt mehr als 42.000; zu Pilzen waren es etwa 340.

Anfragen zu Problemen mit gekauften oder in Restaurants verzehrten Pilzen werden nicht als Pilzvergiftung sondern als Lebensmittelvergiftung behandelt. Die Anzahl dieser Anfragen ist in den beiden vergangenen Jahren deutlich angestiegen und hat sich bei etwa 80 Fällen eingependelt.

Gabriele Schulze, den meisten PSV als Schwester Gabi bekannt, berichtete unter dem Titel „Gefahr aus dem Blumentopf, Teil 1“ detailliert über den Fall einer mutmaßlichen Pilzvergiftung eines Kindes.  Das Kind hatte vermutlich ein Stück eines Pilzes probiert, der im Blumentopf einer Zimmerpflanze wuchs. Es erfolgte die Aufnahme in ein Krankenhaus. Der hinzugezogene PSV bestimmte den Pilz als Lepiota elaiophylla (Olivblättriger Gewächshausschirmling). Das Krankenhaus konnte eine Amanitin-Bestimmung nicht vornehmen, so dass ein Labor durch das GIZ-Nord vermittelt wurde. Die Laborauswertung ergab dann die Entwarnung: Kein Amanitin im Urin. Dem Kind ging es gut. So konnte der Fall – Ende gut, alles gut - mit sicherem Ergebnis und gutem Ausgang abgeschlossen werden. Der Bericht zeigte das funktionierende Zusammenspiel von GIZ-Nord, dem PSV, der Klinik und dem Labor.

Im zweiten Teil „Gefahr aus dem Blumentopf – was ist bekannt“ stellte Bettina Haberl vom Giftnotruf München ausführlich verschiedene Blumentopf-Fälle (Yucca-Palme, Drachenbaum) in Verbindung mit der Amanitin-haltigen Art Lepiota elaiophylla (Olivblättriger Gewächshausschirmling)  und Lepiota xanthophylla (Gelbblättriger Schirmling) vor. Der Olivblättrige Gewächshausschirmling scheint zunehmend in Indoor-Blumentöpfen in Verbreitung zu sein. Im Münchener-Giftnotruf fielen dazu seit 2016 wiederholt Fälle auf, wobei ausschließlich Kinder betroffen waren. Glücklicherweise verliefen alle Fälle symptomlos.

Sie verglich die beiden Arten miteinander und wies auf  die Abbildungen und Beschreibungen bei E. Ludwig Bd. 3 sowie auf das falsche Foto von L. xanthophylla in Pilze der Schweiz Bd. 4 hin, welches nicht L. xanthophylla sondern L. elaiophylla zeigt.

Ungeklärt ist, ob L. xanthophylla Amanitine enthält. In Lepiota cristata (Stinkschirmling) wurden in diversen Aufsammlungen  bislang keine Amanitine nachgewiesen.

Zum Schluss ihrer Ausführungen erläuterte Bettina Haberl die Symptome von Scleroderma-Vergiftungen – als Nachtrag bzw. zur Vervollständigung des Vortrages vom PSV-Treffen 2017, da es sich um die Auswertung einer retrospektiven Studie handelte, die 2017 noch nicht abgeschlossen war. Gastrointestinale Symptome (GIT) wie Übelkeit und Erbrechen traten in 91 % der untersuchten Fälle auf. 23 % betrafen das Zentrale Nervensystem (ZNS) mit Schwindel, Kopfschmerzen und Sehstörungen. Das Herz-Kreislauf-System (HKS) war in 11 % der Fälle betroffen. Ferner wurden Husten und Hautausschlag beobachtet. Die Symptome traten auch in Kombination auf.

Im letzten Teil des offiziellen Vormittagsprogramms ging Prof. Dr. Schaper unter dem Titel „Mushroom poisoning: A proposed new clinical classification“  kurz auf den Vorschlag einer neuen Einteilung  von Pilzvergiftungen anstelle der bislang verwendeten Syndrome ein. Hier hätten sich verschiedene Teilnehmer, die sich im Vorfeld mit der entsprechenden Veröffentlichung beschäftigt hatten, einen näheren Einblick in die vorgeschlagene Klassifizierung gewünscht.

Wer möchte, kann die Veröffentlichung in Toxicon 157 (2019) bzw. hier einsehen:

https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0041010118307281?via%3Dihub

Überraschungsgast der Tagung war DGfM-Vizepräsidentin Dr. Rita Lüder, allen als mehrfache Autorin sowie durch  ihr Engagement in Sachen Pilzcoach bekannt. Sie überreichte Prof. Dr. Siegmar Berndt und Harry Andersson eine mit Süßigkeiten prall gefüllte DGfM-Tasse mit persönlichem Text- und Zeichnungsaufdruck vom Grünen Knollenblätterpilz als Dank der Deutschen Gesellschaft für Mykologie für langjähriges engagiertes Arbeiten.

Zur Mittagspause lud das GIZ-Nord zu einem reichhaltigen und schmackhaften warmen Buffet ein: Fisch, Geschnetzeltes, Asia-Gemüse, Bohnen, Möhren, Erbsen, Brokkoli, Kartoffeln, Reis, Nudeln waren im Angebot. Wer wollte, konnte das Menü mit Roter Grütze und Vanillesoße abschließen. Am Tisch und auch danach wurde die Zeit ausgiebig für Erfahrungsaustausch genutzt.

Das Nachmittagsprogramm begann mit einem Vortrag des DGfM-Toxikologen Prof. Dr. Siegmar Berndt  zum Neurologischen Morchella-Syndrom. Er informierte ausführlich über die Pilzarten, die Latenzzeiten und Symptome anhand von Daten aus Fallauswertungen im Zeitraum 2010 - 2016 sowie Schilderung von Einzelfällen. Beteiligt waren die Arten Morchella esculenta, M. elata, M. semilibera sowie Verpa bohemica.

Auslöser ist ein noch unbekanntes Toxin. Die Symptome traten am häufigsten nach dem Verzehr großer Mengen frischer (zubereiteter) Morcheln auf; gelegentlich auch bei getrockneten Morcheln.

Von 19 Fällen waren 13 neurologischer Natur, 3 zeigten rein gastrointestinale Symptome, in 3 Fällen handelte es sich um eine Kombination aus neurologischen und gastrointestinalen Symptomen.

Interessant sind die unterschiedlichen Latenzzeiten: Isoliert neurologische Symptomatik 12 Stunden, gastrointestinale Symptomatik 5 Stunden, kombiniert neurologische und gastrointestinale Symptomatik 11 Stunden. In zwei Fallbeschreibungen wurden als Symptome angegeben: Schwindel, Taubheitsgefühl, Gleichgewichtsstörungen, Zittrigkeit, Sehstörungen, Gehstörungen, Mattigkeit und als besonders unangenehm ein Trunkenheitsgefühl.

Für das Auftreten des Syndroms sind offensichtlich nur der Verzehr größerer Mengen verantwortlich. Genetische oder ökologische Faktoren konnten nicht nachgewiesen werden. Die folgenlose Rückbildung der Symptomatik erfolgte nach einem Tag.

Was hat der Borkenkäfer mit Morcheln zu tun? Holger Förster hatte im Vorfeld ausgiebig recherchiert und trug das Problem „Morcheln an Holzlagerplätzen (Polter)“ vor. Durch mehrere  vorangegangene Stürme ist massenhaft Totholz angefallen, das die Forst nicht zeitnah abtransportieren kann. In einigen Wäldern – z. B. im Solling, Reinhardswald, Bramwald - wird daher von der Forst im Frühjahr und teilweise auch ganzjährig mit Sprühmitteln, die Pyrethroide enthalten, gegen Schadinsekten vorgegangen. Die Forst entfernt zwar Gewächse mit essbaren Beeren aus der näheren Umgebung der Polter, hatte aber das Problem Speisepilze bislang nicht im Blickfeld. Prof. Dr. Schaper wies darauf hin, dass die verwendeten Pyrethroide nur eine geringe Toxizität gegenüber Warmblütern besitzen. Trotzdem sollten Pilze aus dem Bereich dieser Holzlagerplätze nicht zu Speisezwecken gesammelt werden. 

Mit seinem Vortrag „Von der Wiese in den Mund“ regte Thomas Schmidt aus Hildesheim  die Diskussion über Pilze an, die im Rasen, im Garten oder auf der Wiese wachsen und für Kinder eine Gefahr darstellen können. Anhand einzelner Arten wurden Erfahrungen zu Problemen und Vergiftungen von Kindern diskutiert.

Im Anschluss stellte Harry Andersson den Hartstieligen Helmling (Mycena dura Maas Geest.  Hauskn.) vor. Die Art hatte noch vor der gültigen Beschreibung zu Vergiftungen aufgrund einer Verwechslung mit dem Nelkenschwindling (Marasmius oreades) geführt. Der Fruchtkörper ähnelt jedoch eher einem Ellerling. Die Symptome entsprechen dem Muskarin-Syndrom. Die Art kommt auch auf Wiesen, Weiden und Rasen vor. Mycena dura ist aus Spanien, Italien, Frankreich, der Schweiz, den Niederlanden und Dänemark bekannt. Dann sollte sie auch in Deutschland gefunden werden.

Pünktlich um 16.00 Uhr verabschiedete Prof. Dr. Schaper die Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

 

Ein besonderes Dankeschön für die perfekte und freundliche Betreuung durch Gabriele Schulze, Valeska Beuße-Jagielski, Petra und Shalin Kirchhoff sowie Friederike Landrock  (alle GIZ-Nord). 

Harry Andersson
PilzsachverständigerDgfM

 

Das GIZ-Nord möchte sich nochmals bei allen Pilzsachverständigen für die äußerst kompetente und hervorragende Zusammenarbeit bedanken, sowie bei Herrn Harry Andersson für den sehr interessanten Bericht.

 

Im Namen des GIZ-Nord

Prof. Dr. med. Andreas Schaper

Gabriele Schulze

 

 

 

 

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok Ablehnen