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Siebtes Treffen der norddeutschen Pilzsachverständigen

Am 22. April 2017 trafen sich norddeutsche Pilzsachverständige (PSV) auf Einladung des Giftinformationszentrums-Nord (GIZ-Nord) zu dem alle 2 Jahre stattfindenden Treffen der PilzsachverständigInnen des GIZ-Nord. Tagungsort dieser nunmehr siebten Veranstaltung war - wie bereits zwei Jahre zuvor - das Universitätsklinikum in Göttingen.

Die beim GIZ-Nord oder in den anderen Giftinformationszentren registrierten Fachleute für Pilze und Pilzvergiftungen lassen sich über das jeweilige GIZ an Krankenhäuser, Ärzte, Kindergärten oder Eltern vermitteln und stellen ihr Fachwissen im Rahmen einer Notfalldiagnostik zur Verfügung. Die Tagungen des GIZ-Nord informieren die Teilnehmer über neue Erkenntnisse zum Thema Pilzvergiftungen und dienen gleichzeitig dem Erfahrungsaustausch der Pilzfachleute untereinander sowie mit dem GIZ-Nord.

Die Leitung und Moderation der Tagung lag in den Händen von Herrn Prof. Dr. Andreas Schaper, einem der beiden Leiter des GIZ-Nord. Er begrüßte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Hörsaal 04 und stellte die anwesenden Mitarbeiterinnen des GIZ-Nord vor, die den Tag organisatorisch unterstützten: Valeska Beuße, Gabriele Schulze, Petra und Shalin Kirchhoff sowie Frau Nadja Struß. Somit bekamen Stimmen, sonst nur vom Telefon bekannt, für viele Teilnehmer auch ein Gesicht.

Frau Valeska Beuße vom GIZ-Nord eröffnete die Vortragsreihe. Sie gab einen Überblick über Pilzberatungen, Identifizierung von Pilzen und untermauerte Ihren Bericht mit Zahlen. Aus den norddeutschen Bundesländern Niedersachsen, Hamburg, Bremen und Schleswig-Holstein sind 56 Pilzsachverständige beim GIZ-Nord registriert. Immerhin 28, also die Hälfte, waren der Einladung nach Göttingen gefolgt. Frau Beuße wies noch einmal auf die Nutzung des Online-Protokolls für Pilzvergiftung und -beratung auf der Homepage des GIZ-Nord hin.

Frau Gabriele Schulze, Betreuerin der registrierten PilzsachverständigInnen und wohl allen als Schwester Gabi bekannt, referierte über die nunmehr abgeschlossene Studie zum Thema „Heudüngerling“. Die Studie umfasste von 2010 bis 2013 insgesamt 24 Fälle in Deutschland und der Schweiz, bei denen Kinder eindeutig identifizierte Heudüngerlinge (Panaeolinafoenisecii(Pers.) Maire) verzehrt hatten. Psychotrope Symptome wurden in keinem Fall registriert. Gelegentlich wurde Bauchweh angegeben, in einem Fall eine leichte Hyperaktivität. Damit sollte der Heudüngerling, vom Verdacht halluzinogen zu wirken, endgültig befreit sein.

Frau Bettina Haberl, Mitarbeiterin beim Giftnotruf München und DGfM-Pilzsachverständige, stellte unter dem Titel „Alles schwarz-weiß nach lila Trüffeln“ Vergiftungsfälle mit dem Kartoffelbovist vor. Allgemein bekannt waren bislang gastrointestinale Symptome nach dem Verzehr von Fruchtkörpern der Gattung Scleroderma. Frau Haberl berichtete von Schwindel, Übelkeit, Erbrechen, depressiver Verstimmung, Schüttelfrost, Husten, Hautausschlag und Fast-Ohnmacht. Rohverzehr rief starke Magenschmerzen, Müdigkeit, Kribbeln, Schweißausbrüche sowie Muskelstarre aller Extremitäten hervor. Weitgehend unbekannt sind verschiedene Fälle auch aus Deutschland, in denen auch Symptome auftraten, in denen das Sehvermögen stark beeinträchtigt war: Verschwommenes Sehen, Doppelbilder, visuelle Halluzinationen, Ausfall des Farbsehens bis hin zur Blindheit. Die gute Nachricht: Alle Symptome waren reversibel.

Vor der Mittagspause sprach Herr Prof. Dr. med. Andreas Schaper die verschiedenen Pilzvergiftungssyndrome an. Bei der Frage, ob man Anrufern beim GIZ-Nord die Beurteilung „Lamellenpilz oder Röhrenpilz“ zutrauen könne, schieden sich die Geister. Die meisten Pilzfachleute waren der Meinung, dass auf solche Aussagen kein Verlass sei.

Nach der Mittagspause mit einem wirklich leckeren Buffet in der Mensa berichtete Herr Thomas Schmidt von einem Ehepaar, welches 2015 in einem Supermarkt abgepackte Steinpilze gekauft hatte. Darunter befand sich auch ein Pilz mit weißen Lamellen. Der Supermarkt nahm alle Pilze der Vertriebsfirma aus den Regalen. Herr Thomas Schmidt, ein erfahrener Pilzsachverständiger, konnte die Pilzart als Erstuntersucher nicht eindeutig identifizieren, ebenso wenig die routinierten DGfM-Pilzsachverständigen Herr Harry Andersson und Herr Andreas Gminder als Zweit- und Drittuntersucher. Alle drei waren sich einig, dass es sich um eine Amanita-Art nichteuropäischer Herkunft handelte. Herr Harry Andersson konnte anhand des Wieland-Tests eine Amanitin-haltige Art ausschließen. Das vom Vertreiber der Pilze beauftragte Isotopenlabor erbrachte keine Ergebnisse auf die Herkunft des Pilzes.

Herr Prof. Dr. Siegmar Berndt stellte wenig bekannte Pilzvergiftungen vor.

Morchella-Syndrom: Neurologische Symptomatik bei Verzehr einer großen Mahlzeit von Morcheln.

Coprinus-Syndrom: Es tritt auch bei Verzehr von Lepiota (Echinoderma) aspera in Zusammenhang mit Alkohol auf, obwohl die Art kein Coprin enthält.

Acromelalga-Syndrom: Das Syndrom, benannt nach der in Japan heimischen Clitocybe acromelalga, tritt auch bei Verzehr von Clitocybe amoenolens (Parfümierter Trichterling) auf. Der aus Marokko bekannte Pilz wurde mittlerweile in Frankreich, in derSchweiz, Österreich und Norditalien festgestellt. Symptome: Kribbeln, Rötungen, Schwellungen der Extremitäten und Schmerzen, die nicht einmal auf Opiate reagieren. Die Art wird vermutlich auch bei uns in absehbarer Zeit auftauchen.

Der giftige Ölbaumtrichterling kommt auch in Mitteleuropa (in Niedersachsen an der Grenze zu Hessen) vor.

Pleurocybella-Syndrom: Vergiftungen wurden aus Japan bekannt: Enzephalopathie mit einer Latenzzeit bis zu 31 Tagen, im Durchschnitt 9 Tage bei Verzehr von Pleurocybella porrigens (Weißseitling). Symptome traten nur bei Patienten mit vorgeschädigten Nieren auf. Die Pilzart kommt auch bei uns vor und wird gelegentlich verzehrt.

Herr Prof. Dr. Siegmar Berndt stellte ferner einige exotische Giftpilze aus Asien vor: Trogia venenata;Russula subnigricans; Ganoderma neo-japonicum - Verwechslung mit Ganoderma lucidum möglich; Podostromacornu-damae als wahrscheinlich giftigster Pilz der Welt.

Herr Prof. Dr. med. Andreas Schaper berichtete über einen Vorfall im Jahr 2015, bei der im Erstaufnahmelager Friedland wegen unklarer Lage durch mangelnde Verständigung (Sprachbarriere) eine Massenvergiftung von 450 Personen durch selbstgesammelte Pilze angenommen wurde. Letztlich blieb es bei wenigen Fällen mit leichten Symptomen.

Frau Nadja Struß (Ärztin im GIZ-Nord) stellte die Abwicklung und Dokumentation eines Pilzvergiftungsfalles im GIZ-Nord vor.

Den letzten Punkt vor der Verabschiedung durch Herrn Prof. Dr. med. Andreas Schaper bildete eine Diskussionsrunde zu verschiedenen Themen. Auch wenn einige Teilnehmer eine lange Anreise haben, wurde der GIZ-Nord-Standort Göttingen als zweckmäßiger Tagungsort bestätigt. Die zukünftige Einladung von Pilzsachverständigen aus den Grenzregionen zu anderen Bundesländern wurde angedacht, da dieser Personenkreis sporadisch auch für das GIZ-Nord tätig wird.

Die Veranstaltung war wieder eine informative und sehr gut organisierte Fortbildung, von der sicher beide Seiten – Pilzsachverständige und Giftinformationszentrum-Nord – profitiert haben. Im Namen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer bedanke ich mich ganz herzlich bei allen, die zum Gelingen des Tages beigetragen haben.

Harry Andersson
PilzsachverständigerDgfM
Sprecher des DGfM-Fachausschusses „Pilzverwertung und Toxikologie“
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Das GIZ-Nord bedankt sich bei allen PilzsachverständigInnen für die hervorragende Zusammenarbeit, bei Herrn Harry Andersson für den schönen Bericht zum 7. Pizsachverständigen-Treffen und begrüßt die zwei Neuanmeldungen im Rahmen der Veranstaltung.

Im Namen des GIZ-Nord

Prof. Dr. med. Andreas Schaper

Gabriele Schulze

Valeska Beuße