GIZ-Nord » über uns » Aufgaben der Giftinformationszentren
 

Im Frühjahr 2004 wurden die Giftinformationszentren in Deutschland seitens einer Arbeitsgruppe der Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesgesundheitsbehörden (AOLG) aufgefordert, ihre gesetzlichen Aufgaben und darüber hinaus gehenden Leistungen zu beschreiben. Die folgende Aufgabenliste wurde von den Leiterinnen und Leitern im April 2004 zusammen mit dem Vorstand der Gesellschaft für Klinische Toxikologie (GfKT) erarbeitet und auf der Website des GfKT publiziert.

Seitdem wird das Dokument durch das GIZ-Nord laufend ergänzt und aktualisiert.

1. Aufgaben nach §16e (3) ChemG

Nach § 16 e (3) Chemikaliengesetz (ChemG) sind die Bundesländer in Deutschland verpflichtet, dem Bundesinstitut für Risikobewertung ein Beratungszentrum für Vergiftungsnotfälle zu benennen,

  • das bei "stoffbezogenen Erkrankungen durch Beratung" Hilfe leistet und
  • das "Erkenntnisse über die gesundheitlichen Auswirkungen gefährlicher Stoffe oder gefährlicher Gemische" sammelt und auswertet.

Seit dem 1. Januar 1996 hat das Giftinformationszentrum-Nord der Länder  Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein (GIZ-Nord) an der Universitätsmedizin Göttingen diese Funktion für die Trägerländer übernommen.

 

Hilfe leisten bei stoffbezogenen Erkrankungen durch Beratung umfasst

  • Vergiftungen und Vergiftungsverdachtsfälle (Fallberatung, 24 h / 7 Tage):

Beratungsumfang: Verbraucherprodukte, gewerbliche Chemikalien.
Beratungsinhalte: Einschätzung der gesundheitlichen Gefährdung (Risiko, Schweregrad; Prognose des Verlaufs); klinische Beurteilung (mögliche Symptome, Befunde und Schädigungen; möglicher Verlauf); Empfehlung diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen sowie zur toxikologischen Analytik.

Zielgruppen: Beratung von Betroffenen und Angehörigen (Eltern), von medizinischem Fachpersonal in Krankenhäusern, Arztpraxen, Rettungsleitstellen und Notärzten, Betriebsärzte, Feuerwehr, Polizei, Schulen, Kindergärten, Altenheimen, Justizvollzugsanstalten, Zollverwaltungen.

Voraussetzungen:

  • Schulung und Weiterbildung der beratenden Ärzte
  • Erarbeitung und Pflege von Beratungsunterlagen (Produktinformationen und Stoff-bezogene Monographien)
  • Qualitätssichernde Maßnahmen

Hilfe leisten bei stoffbezogenen Erkrankungen durch Behandlung, erfolgt durch enge Assoziation mit

  • Behandlungseinrichtungen für Erwachsene
  • Behandlungseinrichtungen für Kinder
  • C-Labor für klinisch-toxikologische Analytik

Sammeln von Erkenntnissen über gesundheitliche Auswirkungen gefährlicher Stoffe und gefährlicher Zubereitungen (als Grundlagen für eine wissenschaftliche Auswertung, s.u.)

  • detaillierte Dokumentation aller Beratungsfälle
  • Nachverfolgung von Beratungsfällen zur Dokumentation von Vergiftungsverläufen und des Vergiftungsausgangs und zur Dokumentation von Wirksamkeiten spezifischer Behandlungsmaßnahmen
  • datentechnische Erfassung aller Beratungsfälle und Aufarbeitung für gezielte Rechercheoperationen

Auswerten von Erkenntnissen über gesundheitliche Auswirkungen gefährlicher Stoffe und gefährlicher Zubereitungen

  • Noxen- oder Noxenkategorie-bezogene wissenschaftliche Auswertung der Beratungsfälle hinsichtlich der Häufigkeiten, Beschwerden und Therapieerfolge als Grundlage für die Bewertung von (neuen) Vergiftungsrisiken und für die Erstellung und Präzisierung von Behandlungsempfehlungen.
  • Kategorie-bezogene ad hoc-Auswertung bei Behördenanfragen
  • systematische Auswertung der Falldokumentation bei der Erstellung von Jahresberichten (Berichterstattung über das Vergiftungsgeschehen)


Bericht an das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) über Erkenntnisse aufgrund der Beratungstätigkeit, die für die Beratung und Behandlung stoffbezogener Erkrankungen von allgemeiner Bedeutung sind (Toxikovigilanz)

Warnungen/Unterstützung der Überwachungsbehörden bei unklaren Massenvergiftungen (auch im Zusammenhang mit zunächst verdeckten terroristischen Anschlägen)

Berichterstattung über das Vergiftungsgeschehen an andere staatliche Stellen (EU, Bund, Länder, Kommunen, öffentlicher Gesundheitsdienst) aufgrund von ad hoc-Anfragen

Berichterstattung an Verbände und Unternehmen

Wissenschaftliche Publikationen (Information der Fachöffentlichkeit auf dem Gebiet der Klinischen Toxikologie)

Berichte / Datenaufbereitung für wissenschaftliche Projekte im öffentlichen Interesse für staatliche Forschungsstellen

Vor-Ort-Einsatztätigkeit bei Massenvergiftungen

2. Aufgabe nach Paragraph 5d der Verordnung über kosmetische Mittel

Berichterstattung gegenüber dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit "auf Anfrage über die Erkenntnisse, die sie auf Grund ihrer Tätigkeit gewonnen haben und die für die Beratung bei und die Behandlung von stoffbezogenen gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch kosmetische Mittel von allgemeiner Bedeutung sind.

3. Weitere Aufgaben (Pharmakovigilanz)

  • Hilfe leisten durch Beratung bei durch Arzneimittel ausgelösten unerwünschten Wirkungen und durch Überdosierung ausgelöste Erkrankungen und Vergiftungen.
  • Hilfe leisten durch Behandlung bei durch Arzneimittel ausgelösten unerwünschten Wirkungen und durch Überdosierung ausgelöste Erkrankungen und Vergiftungen.
  • Sammeln von Erkenntnissen über gesundheitliche Auswirkungen von Arzneimitteln bei therapeutischer Anwendung und Überdosierung als Grundlagen für wissenschaftliche Auswertungen.
  • Auswerten von Erkenntnissen über gesundheitliche Auswirkungen von Arzneimitteln bei therapeutischer Anwendung und Überdosierung.

(Details der Tätigkeit siehe unter: 1. Gesetzliche Aufgaben nach §16e (3) ChemG)

4. Weitere Aufgaben (allg. Toxikovigilanz)

  • Hilfe leisten durch Beratung bei Vergiftungen mit Lebensmitteln, Tabakerzeugnissen, Kosmetika und sonstigen Bedarfsgegenständen sowie Drogen und natürlichen Noxen (Giftpflanzen, -tiere, Pilze).
  • Hilfe leisten durch Behandlung bei Vergiftungen mit Noxen der zuvor genannten Gruppen.
  • Sammeln von Erkenntnissen über gesundheitliche Auswirkungen bei Vergiftungen Vergiftungen mit Noxen der zuvor genannten Gruppen als Grundlagen für wissenschaftliche Auswertungen.
  • Auswerten von Erkenntnissen über Vergiftungen mit Noxen der zuvor genannten Gruppen.

(Details der Tätigkeit siehe unter: 1. Gesetzliche Aufgaben nach §16e (3) ChemG)

5. Präventionsaufgaben

Sekundäre Prävention: die telefonische Beratung von Betroffenen und Angehörigen (Eltern) ist eine effektive Maßnahme sekundärer Prävention (Risikosenkung durch gezielte präklinische Behandlungsempfehlung und Kostenersparnis durch Vermeidung nicht angezeigter diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen)

primäre Prävention:

  • schriftliches Informationsmaterial (Merkblätter, Telefonaufkleber u.a.m.)
  • Internet-Angebote
  • Schulung von Eltern, Lehrern, Präventionsfachkräften, Betreuer
  • Aktionen, Präsentationen

Information und Beratung aller Bürgerinnen und Bürger sowie des medizinischen Fachpersonals bei toxikologischen Fragestellungen (prophylaktische Anfragen ohne Kontakt zu Giften)

Information und Beratung von Behörden verschiedener Ebenen bei toxikologischen Fragen (z.B. Grünanlagengestaltung, Gifttierhaltung, Altlasten, Trinkwasser, Umwelttoxikologie, Umgang mit Gefahrstoffen)

Information und Aufklärung über die Medien

  • über Vergiftungsrisiken (sachliche Bewertung zur Panikprävention)
  • über Präventionsmöglichkeiten (insbesondere Gefahren im Kindesalter)
  • über richtiges Verhalten in Vergiftungsfällen

Schulung von Fachpersonal (Rettungsdienst, Krankenpflege, Hebammen, Erzieherinnen)

Mitwirkung bei der Planungen von Behandlungsmaßnahmen beim Massenanfall von Vergiftungen

  • Bevorratung von Antidota für Massenvergiftungen


Beratung von Herstellern und Vertreibern in Gefahrstoff-bezogenen Fachfragen

Antidot-Bevorratung für seltene Vergiftung (z.B. Schlangengift-Antiseren) in Kooperation mit Apothekerkammern und Beratung der Apothekerkammern zur Antidot-Bevorratung (länderspezifisch)

Bereithalten von Sicherheitsdatenblättern (SDB) / Verwendung der GIZ-Notrufnummern auf SDB

6. Toxikologische Begutachtung

Toxikologische Gutachten für Gerichte

sonstige toxikologische gutachterliche Stellungnahmen (z.B. für Berufsgenossenschaften, medizinischer Dienst der Krankenkassen, Firmen)

7. Gremienarbeit

Mitarbeit in Gremien der europäischen Kommission, des Bundes, der Länder und auf kommunaler Ebene

8. Ärztliche Ausbildung, Fort- und Weiterbildung

Ausbildung von Studierenden der Medizin, der Chemie und der Pharmazie auf den Gebieten Pharmakologie, Toxikologie, klinische Pharmakologie, Notfallmedizin, Intensivmedizin

Weiterbildungskurs „Fachkunde Notfallmedizin“: Darstellung der Themen „Intoxikationen“ sowie „Drogennotfälle“

Giftinformationszentren sind anerkannte Ausbildungsstätten im Rahmen der Facharztausbildung für Pädiatrie, Innere Medizin, Klinische Pharmakologie, Pharmakologie und Toxikologie