Grundsätzlich kann jeder chemisch definierte Stoff eine "eigene", d. h. spezifische Vergiftung verursachen, da jeder Stoff in spezieller Weise vom Körper aufgenommen, verteilt und ausgeschieden wird und "individueller" Weise mit Körperbestandteilen (Rezeptoren) reagiert. Zudem kann jedes Gemisch mit definierter Zusammensetzung durch vergiftungsförderndes oder -mildendes Zusammenwirken chemischer Bestandteile eine weitere spezifische Vergiftung verursachen. Eine exakte Beschreibung einer Vergiftung kann daher strenggenommen nur auf den Einzelstoff oder das Einzelgemisch bezogen erfolgen.

Allerdings konnte die Klinische Toxikologie häufig auftretende Konstellationen klinischer Symptomen und -zeichen beschreiben, die in der Praxis häufig beobachtet werden, bei unklarer Ursache eine Gesundheitsstörung auf eine Vergiftung durch Vertreter einer Stoffgruppe hindeuten und im Rahmen der medizinischen Diagnostik eine bedeutsame Rolle spieln. Solche Konstellationen von mehreren Symptomen oder Zeichen werden häufig als toxikologische Syndrome oder Toxidrome bezeichnet.

Die wichtigsten Toxidrome werden in folgenden Tabelle hinsichtlich ihrer Leitsymptome und stofflichen Ursachen charakterisiert.

 

Toxidrom Leitsymptome Ursachen
Acetaldehyd-Syndrom (Antabus-Syndrom) Erregung, Tachykardie, Flush, Paraesthesie, Hypotonie Disulfiram, Calciumcyanamid, Coprin, jeweils in Kombination mit Ethanol
Anticholinerges Syndrom Unruhe, Agitiertheit, Verwirrtheit, optische oder szenische Halluzination; weite Pupillen, heiße und trockene Haut, trockene Schleimhäute, reduzierte Darmgeräusche; Harnverhalt; (Sinus-)Tachykardie (HR 140-180/min), Flush, Krampfanfall, Hyperthermie Atropin, Biperiden, Scopolamin (zurzeit meist als Engelstrompete), Antihistaminika der 1. Generation (z. B. Diphenhydramin), Trizyklische Antidepressiva
China-Restaurant-Syndrom Kopfschmerz, Taubheitsgefühl, beschleunigter Herzrhythmus Glutamat-haltige Gerichte
Cholinerges Syndrom Tränenfluss, Magenschmerzen, enge Pupillen, Schwitzen, Bronchialverschleimung, Erbrechen, Diarrhoe, Bradykardie (initial auch Tachykardie); Bewusstseinseinschränkung, Muskelfaszikulationen, Atemstörungen; Krampfanfälle Alkylphosphate, Methyl-Carbamate, Physostigmin, Muskarin-haltige Pilze (Trichterlinge: Clitocybe, Risspilze: (Inocybe))
Extrapyramidal-motorisches Syndrom charakteristische Bewegungsstörung der willkürlichen Muskulatur (hyperkinetisch-hypoton): Zungen-Schlund-Krampf, Torticollis, Ballismus; Ataxie, Tremor Metoclopramid, Neuroleptika (meist unter Dauertherapie)
verschiedene Fischvergiftungs-Toxidrome Toxidrom-spezifische Symptomatiken Fische und Meeresfrüchte
Malignes Neuroleptika-Syndrom verlangsamte Bewegung, stark erhöhte Körpertemperatur; Nierenversagen, Gerinnungsstörungen seltene Komplikation bei Neuroleptika-Therapie
Opioid-Syndrom sehr enge Pupillen, Ateminsuffizienz, Bewusstseinseinschränkung; verringerte Darmmotilität Opiate (Morphin, Heroin u.v.m.), synthetische Opioide
verschiedene Pilz-Toxidrome Toxidrom-spezifische Symptomatiken Giftpilze
Sedativa-/Hypnotika-/Narkotika-Syndrom Müdigkeit, (milde) Euphorie, entaktogene Wirkung, Narkose, Atemstörung (bei schwerer Vergiftung tendenziell Hypotonie, Bradykardie, Hypothermie, Hyperreflexie) Ethanol, Barbiturate, Benzodiazepine, 4-Hydroxybuttersäure (GHB), GBL u. a. organische Lösemittel
Serotonin-Syndrom erhöhte Körpertemperatur, Muskelzuckungen, Diarrhoe verschiedene Antidepressiva in kontraindizierter Kombination oder in Überdosis
Stimulanzien-Syndrom Unruhe, Agitiertheit, Krampfanfall, Tachykardie/Tachyarrhythmie, Bluthochdruck, Mydriasis, heiße und feuchte Haut, Hyperreflexie (Kopfschmerz, Flush, Hyperthermie) Amfetamine, Cocain; Ephedrin, Coffein, Cathin; Cathinonderivate und viele andere moderne Designerdrogen; mittelschwere Vergiftungen durch Moclobemid oder Tranylcypromin