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Herbert Desel, GIZ-Nord
Stand: Februar 2000

Als Khat werden die Zweigspitzen mit jungen Blättern des Khatstrauches (Catha edulis Forsk., Pflanzenfamilie der Spindelbaumgewächse [Celastraceen]) bezeichnet.

Als Genussmittel ist Khat bereits seit prähistorischer Zeit in Äthiopien bekannt, Khatpflanzen werden heute auf großen Flächen im Hochland mehrerer ostafrikanischer Länder kultiviert und können ganzjährig geerntet werden. Üblicherweise werden sukzessiv 100 - 200 g frische, junge Laubblätter 3 - 4 Stunden lang gekaut (Hallbach 1972, Kalix et al. 1991).

Inhaltsstoffe des Khat

Die Vertreter der wichtigste Gruppe chemisch miteinander verwandter Inhaltsstoffe des Khat werden als Kathamine bezeichnet. Für den größten Teil der Wirkung des Khat beim Menschen ist das Kathamin Cathinon (= (S)-(-)-ß-Aminopropiophenon) verantwortlich.

Die Kathamine Cathin (= (1S,2S)-(+)-Norpseudoephedrin) und (-)-Norephedrin haben beide einen ähnlichen Wirkcharakter wie Cathinon, im Vergleich zu dieser Substanz allerdings eine zehnfach geringere Wirkstärke.

Die übrigen Kathamine (Merucathinon, Merucathin, Pseudomerucathin und (-)-N-Formylnorephedrin) tragen kaum zur Wirkung des Khats bei (Teuscher & Lindequist 1994).

Cathinon ist in Anlage I B, Cathin in Anlage III zu §1 Abs. 1 Betäubungsmittelgesetz (BtMG) verzeichnet. Cathin ist zudem wirksamer Inhaltsstoff in drei z.Zt. in Deutschland zugelassenen rezeptpflichtigen Appetitzüglern (Rote Liste 2000).

Über die Kathamine hinaus enthält Khat Gerbstoffe, Aminosäuren und Vitamine, besonders Vitamin C.

Wirkungsweise des Khat

Cathinon ist als Reinsubstanz auf seine Wirkung beim Menschen hin gut untersucht, es hat eine kreislaufanregende Wirkung (Erhöhung der Herzfrequenz und des Blutdrucks) und wirkt psychisch stimulierend (euphorisierend, Brenneisen et al. 1990).

Über Wirkungen des Khatkauens berichten viele arabische Quellen des Altertums und Quellen der neueren medizinischen Literatur. Die häufigsten körperlichen Symptome sind neben der bereits für (isoliertes) Cathinon beschriebenen kreislaufanregenden Wirkung (Herzfrequenzerhöhung, Herzklopfen, Gesichtsrötung) eine mäßiggradige Erhöhung der Körpertemperatur mit Schwitzen und eine Pupillenerweiterung.

Regelmäßige Anwendung führt darüber hinaus häufig zu Schleimhautentzündungen im Mund, in der Speiseröhre und im Magen, zu Blähungen und zu Verstopfung.

An typischen psychischen Symptomen werden Euphorie, Verbesserung der Aufmerksamkeit, erhöhter Rededrang, Appetithemmung, innere Unruhe und Hyperaktivität sowie Schlafstörungen beobachtet (Halbach 1972). Nur in seltenen Einzelfällen kommt es zu psychotischen Symptomen (z.B. Wahnvorstellungen, Gough & Cookson 1984).

Suchtgefahr des Khat

In Versuchen an Rhesusaffen konnte beobachtet werden, dass sich an Cathinon gewöhnte Tiere die Substanz aus eigenem Antrieb in kurzen Abständen selbständig zuführten, bis sie in völliger Erschöpfung einschliefen (Yanagita 1986). Beim Menschen ist eine körperliche Abhängigkeit von Khat mit substanztypischen Entzugssymptomen nicht bekannt (Hallbach 1972). Eine psychische Abhängigkeit mit ausgeprägtem Bestreben nach Wiederholung der Drogenanwendung (craving), bei armen Bevölkerungsschichten auch unter Verwendung eines großen Teils des Einkommens, wird hingegen oft beobachtet (Hallbach 1972).

Bei chronischen Khatanwendern wird dabei oft eine Vernachlässigung der Ernährung und der Hygiene (als typische Zeichen einer Substanz-Abhängigkeit) beobachtet. Ein soziales Problem scheint schließlich in einigen Gebieten Ostafrikas die mangelnde Arbeitsmotivation bei chronischem Khatgenuss darzustellen (Kalix et al. 1991, s. auch DER SPIEGEL 1999).

Eine Toleranz entwickelt sich zwar gegenüber der Wirkung auf den Kreislauf (Nencini et al. 1984), nicht jedoch gegenüber den psychischen Effekten (Hallbach 1972). Diese Sachlage veranlasste eine Expertengruppe der Weltgesundheitsorganisation, Khat als mäßiggradig suchtgefährdend einzustufen (Eddy et al. 1965).

Vergleich mit anderen, verwandten Suchtstoffen

Nur durch intensives, mehrstündiges Khatkauen lassen sich die erwünschten psychischen Wirkungen erzielen. Wahrscheinlich aus diesem Grund kommen schwere akute Vergiftung durch Khat-Überdosierung nicht vor (Halbach 1972). Dies steht im Gegensatz zu den Komplikationen beim Gebrauch von Amfetaminen, die den Kathaminen sowohl in chemischer Hinsicht wie auch in ihren körperlichen und psychischen Wirkungen ähneln: Amfetamine werden als Stoffgemische mit hochkonzentriertem Wirkstoffanteil eingenommen oder injiziert und damit leicht überdosiert.

Methcathinon (2-Methylamino-1-phenylpropanon) ist ein dem BtMG (Anlage I B) unterstelltes, dem Cathinon sehr eng verwandtes synthetisch hergestelltes Rauschmittel.

Unterschiede im Wirkstoffgehalt

Der Gehalt der Blätter an Cathinon und an anderen Kathaminen ist stark schwankend und vom Alter der Triebe sowie von der Dauer der Lagerung abhängig: Frisch vermarktete, junge Triebe enthalten ca. 0,01 - 0,33 % Cathinon bei einem Gesamtgehalt an Kathaminen von 0,02 - 0,96 % (bezogen auf das Frischgewicht der Pflanzen, Geisshüsler & Brenneisen 1987). Im Verlauf des Blattwachstums wird Cathinon zu Cathin und (-)-Norephedrin umgewandelt: frische vollentwickelte Blätter enthalten nur 0,004 % Cathinon bei insgesamt 0,2 % Kathaminen (Teuscher & Lindequist 1994).

Auch beim Trocknen und Lagern der Blätter kommt es zu einer Umwandlung von Cathinon in andere Kathamine: Die Triebe werden daher üblicherweise am frühen Morgen geerntet, feucht transportiert und noch am gleichen Tag gehandelt und i.d.R. unmittelbar danach konsumiert (Schorno et al. 1982, Kalix et al. 1991). Dies erklärt, weshalb Khatgenuss bis vor wenigen Jahren praktisch nur in den Anbauländern üblich gewesen ist. Erst seit den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wird aus Ostafrika per Luftfracht transportiertes Khat in den USA (OASAS 1993) und in Europa (Mayberry et al. 1984) in größerem Maße vermarktet und konsumiert.

Die in Europa lebenden Konsumenten sind nahezu ausschließlich ostafrikanischer Herkunft, für Konsumenten europäischer Herkunft scheint die Droge - nicht zuletzt wegen ihres bitteren Geschmacks - offenbar unattraktiv.

Khat verliert bei Umgebungstemperatur innerhalb von 3 - 4 Tagen seine Wirksamkeit (Hallbach 1972, Kalix et al. 1991). Nach dieser Zeit ist somit mit einem weitgehenden Abbau des Cathinons zu rechnen (Baselt 2000). Tiefgekühlt hingegen ist Cathinon in Khat längere Zeit haltbar (Mayberry et al. 1984, Brenneisen & Mathys 1992).

Literatur

Baselt R.C. (2000) Disposition of toxic drugs and chemicals in Man. 5th ed. Foster City (CA, USA): Chemical Toxicology Institute. S. 142-143

Brenneisen R., Fisch, H.-U., Koelbing, U., Geisshüsler, S. & Kalix, P. (1990) Amphetamine-like effects in humans of the khat alkaloid cathinone. Br. J. Clin. Pharmac. 30, 825-828

Brenneisen R. & Mathys, K. (1992) Catha. In: Hagers Handbuch der Pharmazeutischen Praxis, 5. Aufl. Bd. 4 (Drogen A-D, Hänsel, R. et al., Hrsg.). Berlin usw.: Springer, S. 730-740

Eddy N., Halbach H., Isbell, H. & Seevers, M. (1965) Drug dependence: its significance and characteristics. Bull. WHO 32, 721-733. Zit. nach. Kalix et al. 1991.

Geisshüsler, S. & Brenneisen R. (1987) The content of psychoactive phenylpropyl and phenylpentenyl khatamines in Catha edulis Forsk. of different origin. J. Ethnopharmacol 19, 269-277, zit. nach: Brenneisen & Mathys (1992)

Gough, S.P. & Cookson I. B. (1984) Khat induced schizophreniform psychosis in UK. Lancet 1984/I, 455

Hallbach, H. (1972) Medical aspects of the chewing of khat leaves. Bull. WHO 47, 21-29 Hänsel, R. (1999) Alkaloide. In: Pharmakognosie - Phytopharmazie (Hänsel, R., Sticher, O. & Steinegger, E., Hrsg.), Berlin usw.: Springer, S. 1096

Kalix, P., Brenneisen R., Koelbing, U., Fisch H.-U. & Mathys, K. (1991) Khat, eine pflanzliche Droge mit Amphetaminwirkungen. Schweiz. Med. Wschr. 121, 1561-1566

Mayberry, J., Morgan, G. & Perkin, E. (1984, ohne Titel) Lancet I 1984, 455

Nencini, P., Ahmed, A.M., Amiconi, G. & Elmi, A.S. (1984) Tolerance develops to sympathetic effects of khat in humans. Pharmacology 28, 150-154

OASAS (New York State Office of Alcoholism & Substance Abuse Service, 1993) Street Advisory / Newsletter "Khat". Zitiert nach: "Erowid Psychoactive Vaults: Basic Khat Info", zugänglich über http://www.erowid.org/plants/khat

Rote Liste Service GmbH (Hrsg., 2000) Rote Liste 2000 - Arzneimittelverzeichnis für Deutschland (einschließlich EU-Zulassungen), Aulendorf: ECV

Schorno X., Brenneisen R. & Steineffer E. (1982) Qualitative und quantitative Untersuchungen über das Vorkommen ZNS-aktiver Phenylpropylamine in Handelsdrogen und über deren Verteilung in verschiedenen Organen von Catha edulis. Pharm. Acta Helv. 57, 168-176; zitiert nach: Teuscher & Lindequist 1994

Teuscher, E. & Lindequist U. (1994) Biogene Gifte, 2. Aufl., Stuttgart usw.: Fischer, S. 314ff.

Yanagita T (1986) Intravenous self-administration of (-)-cathinone and 2-amino-1-(2,5-dimethoxy-4-methyl)phenylpropane in rhesus monkeys. Drug Alcohol Depend 17, 135-141